Super-Brevet HBK – Über 1500km in fünf Tagen

21. Aug. 2018
RTF

Von Hamburg über Berlin nach Köln und zurück…

VON EVELYN SACHSE

Ein Bekannter aus Hamburg brachte mich Anfang des Jahres auf die etwas verrückte Idee, an einem sogenannten „Super-Brevet“ teilzunehmen. Nach kurzer Bedenkzeit meldete ich mich für „HBK“ an. HBK steht für die Strecke Hamburg-Berlin-Köln… und natürlich zurück nach Hamburg. Diese Veranstaltung findet alle vier Jahre statt und wurde in diesem Jahr zum fünften mal organisiert.

Da ich schon seit einigen Jahren Langstrecken, sogenannte Brevets fahre, war mir der Ablauf solcher Veranstaltungen bekannt. Üblich sind Streckenlängen zwischen 200 und 600 km. Auf der zu fahrenden Strecke gibt es mehrere Kontrollpunkte (häufig Tankstellen), die in einem vorher bestimmten Zeitraum erreicht werden müssen. Vom Veranstalter wird hierzu häufig ein GPS-Track zur Verfügung gestellt. Bei einigen längeren Brevets gibt es dann sogenannte Depots, an denen den Fahrern Verpflegung und ggf. die Möglichkeit zu schlafen gegeben wird. 

Nun sollten es also 1500 km werden. Die Vorbereitung auf das Abenteuer begann Ende April in Kiel mit der Teilnahme am 600er Brevet und der daraufhin optimierten Ausstattung meines „Reise Rennrades“. Nabendynamo und ein anderer Sattel, sowie eine Lenkerrolle zur besseren Gepäckverteilung mussten her.
Meine weitere Radsaison verlief gut und verletzungfrei bis… ja bis vier Tage vor dem Superbrevet. Bei einer letzten Trainingsfahrt rutschte ich in einer Kurve auf einer Dieselspur aus und stürzte schwer. Zum Glück war nichts gebrochen aber die Schürfwunden und eine geprellte Schulter waren schon ein arges Handicap. Ich entschied mich trotzdem für einen Start.

Am Freitagabend traf man sich in Ahrendsburg, in einer Schulmensa, um die Startunterlagen abzuholen und zu Nudelparty und Klönschnack. In der recht überschaubaren Brevetszene kennt man sich… neben einigen Bekannten aus Norddeutschland, starteten hier aber auch Teilnehmer aus Thailand, Hong Kong, Grossbritannien, Japan, Russland, Italien… Nach einer kurzen Nacht im Hotel, stand ich am Samstagmorgen um sechs Uhr mit 97 anderen Verrückten am Start.

Bei besten Bedingungen, rollte ich am Start des ersten Tages, locker und zügig mit der ersten großen Gruppe in Richtung Berlin. Kurz vor dem ersten Kontrollpunkt in Wittenberge wurde das Tempo aber zunehmend „unrund“ und mir die Tempowechsel zu kraftraubend. Ich liess die Gruppe ziehen und fuhr nun allein, im „Wohlfühltempo“, bis zur Kontrolle in Wittenberge und weiter in Richtung Nauen. Auf dem Weg traf ich immer wieder andere Teilnehmer und irgendwann auch meinen Bekannten Henning. Wider Erwarten fuhren wir dann das gesamte Brevet zusammen. Dies ist sehr ungewöhnlich, da das individuelle Tempo und der Bedarf nach Pausen meist zu unterschiedlich sind. Brevets muss man allein fahren (können).

Nach 265km, am ersten Depot in Nauen, waren einigen Teilnehmern die Strapazen schon deutlich anzusehen. Das bis dahin recht hohe Tempo (ca. 32km/h) und steigende Temperaturen (ca. 35°C), führten zu ersten Abbrüchen. Henning und ich setzten gut verpflegt und nach längerer Pause unsere Reise fort. Von nun an ging es in südwestlicher Richtung, mit Seitenwind, hohen Temperaturen und unbarmherzig brennender Sonne, weiter durch die Agrarlandschaften in Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Die Kontrollstelle in Ziesar erreichten wir am frühen Abend. Bis zum zweiten Depot in Ditfurt hatten wir noch 120 km vor uns. Auf dem weiteren Weg nutzten wir die Gelegenheit zu einem kurzen kühlenden Bad in einem Kiesteich, trafen immer wieder andere Teilnehmer, wurden noch einmal unerwartet vom Veranstalter mit Wasser versorgt und rollten in einen wunderschönen Sommersonnenuntergang weiter. Gegen Mitternacht erreichten wir nach 450km das Heimatmuseum Ditfurt. Wir wurden herzlich empfangen, bekamen lecker Essen, hatten die Möglichkeit zu duschen und… ganz luxuriös… Betten zum schlafen.

Der zweite Reisetag begann mit einem ordentlichem Frühstück und anschließender Abfahrt um 4:30 Uhr. Zunächst fuhren wir mit Gegenwind bis Timmenrode, von wo aus es danach über den Harz ging. Der Veranstalter hatte eine schöne Strecke, mit eher moderaten Anstiegen gewählt und der frühe Morgen war auf den verkehrsarmen Strecken ein besonderer Genuss zum radeln. So überquerten wir den Harz und das nördliche Eichsfeld bis zur Kontrolle Lütgenrode. Landschaftlich reizvoll, ging die Reise weiter südlich des Solling über die Weser und den Reinhardswald, bis nach Messinghausen. Wir machten reichlich Pausen und erreichten das dritte Depot problemlos nach 280 Tageskilometern um 21:00 Uhr. Auch hier erwartete uns ein herzlicher Empfang und gute Verpflegung. Die Schlafmöglichkeit im Schützenhaus war jedoch spartanisch. Eine 1 cm Isomatte und zwei Decken auf dem Hallenboden baten nur wenig Komfort. Die Unruhe durch andere Teilnehmer, sowie die Schmerzen in meiner Schulter, liessen mir keinen Schlaf.

Wenig erholt begann der dritte Reisetag um 4:20 Uhr. Von Messinghausen aus, führte die Strecke durch das Hochsauerland bis nach Rösrath / Hoffnungsthal. Auf diesem Abschnitt erwartete uns eine landschaftlich ebenfalls sehr schöne Strecke, mit reichlich Höhenmetern, die in vielen eher kurzen knackigen Anstiegen verpackt waren. Das Reisetempo sank erwartungsgemäss und auch die Temperaturen waren, trotz vieler angenehm schattiger Abschnitte, nach wie vor sehr hoch. Kurz vor dem Depot nahm auch der Verkehr deutlich zu… der Grossraum Köln und der Feierabendverkehr waren spürbar. Wir erreichten Hoffnungsthal am frühen Abend, trafen auch hier wieder viele andere Teilnehmer und hatten Gelegenheit zum Small-Talk, sowie einem gemeinsamen Essen. Ich hatte mich entschieden noch ein paar Stunden weiterzufahren und mir „auf gut Glück“ eine Pension o.ä. zu suchen, da ich zunächst keine weitere Nacht im „Grossraumschlafsaal“ verbringen wollte. Henning war damit einverstanden und so fuhren wir noch gut zwei Stunden weiter in die Dämmerung. Dank der kompetenten Hilfe zweier Einheimischer, fanden wir später schnell ein geeignetes Hotel. Die Räder durften wir sicher im Keller unterstellen und bekamen dazu ein alkoholfreies Weizen, eine heisse Dusche und ein Bett zum schlafen. Nach nur ca. 250 Tageskilometern war ich glücklich.

Der vierte Reisetag begann wieder um 4:30 Uhr aber zunächst merklich kälter mit Temperaturen um die 10°C und Frühnebel. Bis zur nächsten Kontrolle in Finnentrop aber auch ohne Frühstück. Das Streckenprofil blieb weiterhin sportlich, mit den schon bekannten, kurzen Rampen und Steigungen zum Teil über 10%. Wir erreichten das Depot Messinghausen zum zweiten mal gegen 13:00 Uhr. Jetzt hatten wir den anspruchsvollsten Teil der Reise absolviert. Immerhin standen auf dem Abschnitt von Messinghausen nach Hoffnungsthal und zurüch nach Messinghausen rund 370 km mit 7200 hm an. Nach Verpflegung und neu sortiertem Gepäck, fuhren wir nun ziemlich strikt in Richrung Norden. Bald wurden die Anstiege merklich flacher und trotz leichtem Gegenwind, kamen wir gut voran. Lediglich die Sonne und Temperaturen bis zu 40°C machten uns ordentlich zu schaffen. Abwechselungsreich hügelig wurde es noch einmal als wir am Abend die Gegend um Bad Salzuflen erreichten. Es gab auch an diesem Tag reichlich Pausen… zum abkühlen in einem Mühlteich, zum Eis essen bei McDonalds und leider kurz vor Erreichen des Tagesziels auch durch Schmerzen in meinem Fuß und Krämpfe. 15 km können doch sooooo unglaublich lang werden. Nach einem sehr langen Tag und 320 km, erreichten wir das letzte Depot in einem Feuerwehrhaus in Lindern, kurz nach 2:00 Uhr nachts. Dort wurden wir wieder sehr herzlich empfangen und verpflegt. Außerdem trafen wir auf weitere gesellige Teilnehmer. Leider gab es außer Toiletten keine sanitären Anlagen und die Schlafmöglichkeit war die bereits bekannte Isomatten-/Deckenkombination. Die Schlafplätze teilten wir also lieber mit den heimischen Ameisen in einem Zelt. Verschlafen konnten wir so zumindest nicht. 😉

Der fünfte Reisetag begann erst um 7.00 Uhr, da es ja nur noch 210 km bis zum Ziel in Grosshansdorf waren. Wir rollten jetzt wieder zügig, mit gnädigem Schiebewind, Richtung Nordost. Trotz drohendem Unwetters, erreichten wir die nächste Kontrolle so gut wie trocken. Auf den nächsten 100 km wechselten sich in stetiger Folge kleinste Dörfer mit weiten Landwirtschaftsflächen ab. Flach und irgendwann sehr langweilig. Winsen erschien uns danach fast wie eine Großtadt. Nach der letzten Kontrolle überquerten wir die Elbe bei Geesthacht. Dort fuhren wir ein Stück entlang dem Elbdeich, die fiese Rampe bei Escheburg rauf und anschließend durch den Sachsenwald. Das alles waren für mich schon gut bekannte Abschnitte. Der Wunsch endlich fertig werden, wurde immer größer. Leider passierte, was immer passiert… Henning hatte einen Platten. Ärgerlich so kurz vorm Ziel! Aber auf zwanzig Minuten kam es ja nun nicht mehr an.

Um 19:00 Uhr erreichten wir endlich – nach 1510 km und rund 12000 hm – das Ziel in Grosshansdorf. Glücklich und Stolz. Trotzdem soll dies bestimmt nicht meine letzte lange Reise gewesen sein. 😉

Bedanken möchte ich mich bei dem Veranstalter des Superbrevet – dem Audaxclub Schleswig-Holstein – und zwar mit allergrößten Respekt vor dem, was die Mitglieder dieses eher kleinen Vereins, mit der Organisation und Durchführung dieser Veranstaltung leisten! Ein Beispiel für uns alle!

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